Rennrad-Fieber
 
Samstag, 4. Februar 2012
Frankreich - Tour 1

Profil der ersten Tour

Aller Anfang ist schwer...

Col du Petit St. Bernard - Colle San Carlo

134 km - 3225 Hm

 

Benni am Kleinen St. BernhardGut erholt und ausgeschlafen erwachte ich an diesem Morgen in einem französischen Bett und augenblicklich war mir klar, dass es nun endlich richtig losgehen würde. Die quälende Frage der letzten Tage, inwieweit mein Knie den Strapazen Stand halten könne, war in diesem Moment vergessen. Der erste Blick ging aus dem Fenster und erzeugte nur eines auf der Netzhaut: Wolkenlosen, blauen Himmel! Benni war auch wach und man merkte ihm an, dass er es ebenso wenig erwarten konnte wie ich selbst. Da tat auch sein nicht ganz so guter Schlaf, der durch einen Kühlschrank gestört wurde, keinen Abbruch daran. Mit Schwung ging es an den Frühstückstisch und wir schaufelten jede Menge Vorräte für diesen Tag an. Dann wurde die Ausrüstung nach und nach bereitgestellt und angelegt und schließlich konnten wir das Haus verlassen und die Räder pünktlich um 10 Uhr besteigen.

Jens am Kleinen St. BernhardWie am gestrigen Tag fuhren wir die schöne Nebenstraße von unserem Unterkunftsort bis nach Bourge St. Maurice, um dann weiter zum Anstiegsstartpunkt Séez für den "Kleinen St. Bernhard Pass" zu gelangen. Schon vor Séez geht es leicht, aber stetig bergauf und Benni machte erste Anzeichen, schon hier mit einer schnelleren Fahrweise die Beine zu testen. Den Ort Séez passierten wir Seite an Seite und befanden uns nach entsprechender Hinweistafel nun endlich im eigentlichen Anstieg zum "Col du Petit St. Bernard". Hier tat ich es meinem Kollegen gleich und zog das Tempo etwas an, doch wie bei jedem Pass gewannen wir so schnell an Höhe, dass die ersten zu schießenden Fotos das Tempo wieder drosselten. Die vorab Informationen über diesen Anstieg bestätigten sich schnell: Eine serpentinenreiche Auffahrt mit sehr gleichmäßiger Steigung, fast immer zwischen 4% und 6%, sowie schöne Blicke auf Bourge St. Maurice, welches aus der zunehmenden Höhe einen viel schöneren Eindruck zu bieten hatte. Im weiteren Anstiegsverlauf waren wir uns sehr einig und fuhren ohne tempoverschärfende Spielereien Seite an Seite den Pass hinauf. Das Tempo war sowohl auf das weitere Vorhaben als auch auf mein Knie betrachtet sehr angemessen (aber keineswegs langsam), doch jede Nachdenklichkeit bzw. Zweifel riefen leichte Schmerzen hervor und veranlassten mich, in den Wiegetritt zu wechseln. Kurz vor "La Rosière" begann aber dann eine willkommene Ablenkung: Überholen französischer Biker! Bis dato war nicht viel in unsere Richtung unterwegs, nur von Passhöhe kommend schossen einige an uns vorbei richtung Bourge St. Maurice und das mehrzählig OHNE Helm. Wir fanden keinerlei Erklärung für diese "Dummheit" und haben generell kein Verständnis für ein Rennradfahren ohne Helm. Benni durfte nun also mehrmals andere Radfahrer überholen und ein "Erinnerungsbild" machen lassen, bevor ich dann, die Kamera wieder verstaut, an jenen Radlern vorbei zu Benni vorstieß. 

Benni zieht locker vorbeiNach einem letzten gigantischen Blick auf Séez, Bourge St. Maurice und das Isère-Tal macht die Passstraße einen Knick und man befindet sich geradewegs auf dem ewigen Zieleinlauf zum Pass. Serpentinen sucht man erst einmal vergeblich, doch die wie auf der Karte erscheinende endlose Gerade, ist in Wirklichkeit sehr angenehm zu fahren. Wir überholten nun noch einige Radfahrer, kletteren zügig die in diesem Abschnitt einzigen zwei Serpentinen empor und befanden uns schließlich, die Passhöhe vor Augen, in zunehmendem Tempo auf der "Zielgeraden". Benni wollte mir, den hier oben doch etlichen Menschen oder einfach sich selbst noch seine Reserven zeigen und fegte in beachtlichem Tempo bis ans Passschild heran, wo ich wenige Sekunden später auch ankam.

 

Passbild Wow, der erste Pass war geschafft. Und es lief richtig gut, Form und Gesundheit schienen mit diesem Anstieg einverstanden gewesen zu sein. Würden sie das mit dem restlichen Tagesprogramm auch noch sein? Wie ist eigentlich das Tagesprogramm? Benni hatte mich vorhab auf den "Colle San Carlo" heiß gemacht, bestand aber die letzten Tage darauf, diesen extremen Pass nicht zu fahren. Ich wollte die Möglichkeit weiter offen lassen, wäre aber auch ohne große Diskussion bereit, den einfacheren Weg erneut über den Bernhard in Angriff zu nehmen. Ich ließ es also auf mich zukommen und war einfach nur froh darüber, überhaupt und nun überraschenderweise fast schmerzfrei auf dem Fahrrad zu sitzen. Wir machten also die Fotos am Passschild und begaben uns in die gut 30 Kilometer lange Abfahrt nach Morgex. Im oberen Teil macht diese viel Spaß, doch gegen Ende hängt man in unzähligen Serpentinen nur noch an den Bremsen und bemerkt, wie Bremsleistung ab- und Wärmeleistung zunehmen. Auch durch einen französischen Diesel (von DPF haben die wohl noch gar nix gehört) sahen wir uns veranlasst, uns und den Rädern eine kurze Pause zu gönnen. 

Hinweistafel am Colle San CarloWir trafen in der Mittagshitze in Morgex ein (bzw. im unschönen Industrieteil) und befanden uns am Fuße zum Colle San Carlo . Hier musste nun eine Entscheidung fallen. Ich hatte in der Abfahrt genug gesehen (die Serpentinen versprühten viel Reiz), um mit selbigem Wege einverstanden zu sein. Doch zu meiner Verwunderung wollte Benni nun doch über den Colle San Carlo fahren. Hatte er sich versprochen oder ist ihm die bisherige Tour nicht bekommen? Was war auf einmal los? Er begründete es einfach damit, nicht jenen Teil bergauf fahren zu wollen, den er gerade schon bergab gesehen hatte. "Ok, einverstanden, wir fahren, bevor es sich jemand doch noch anders überlegt".

Kaum hatten wir den richtigen Weg eingeschlagen, ging es urplötzlich rampenartig bergauf. Sollte eigentlich kein Problem darstellen, doch mit dem selbstgeschmierten Vollkornbrot zwischen den Zähnen musste ich schnaufend mit ansehen, wie Benni sich von mir entfernte und mein Puls schlagartig richtung Maximum eilte. Fataler Fehler: Esse nicht während hoher Belastungen, schon gar nicht am Colle San Carlo! Ich dachte, es wäre noch ein Stück bis zum eigentlichen Beginn, hatte mich darin aber schwer getäuscht und wurde auf den ersten Metern bitter bestraft. Als dieses Problem ausgestanden war, konzentrierte ich mich mehr auf den Anstieg und sah nun am rechten Rand eine Hinweistafel auf mich zukommen: "Chrono-Test, verbleibende Kilometer, aktuelle Höhe, Steigungsmittel auf dem nächsten Kilometer"! Verrückt, gibt es doch tatsächlich Fahrer, die diesen Monsterpass auf Zeit fahren (außer Basso, Piepoli und co. beim Giro D'Italia). Für uns war das am jetzigen Tag undenkbar, schließlich war das erst der Anfang einer harten Woche. 

Passhoehe Colle San CarloDiese Hinweistafeln waren wahrhaftig schön anzusehen, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als auf ein 10% Schild ein 11% Schild (im Schnitt auf dem nächsten Kilometer!!!) folgte. Wir begannen alles zu verfluchen und mussten erleben, wie Geschwindigkeit und Trittfrequenz auf ein Minimum absanken und die stechende Sonne noch unerträglicher machten. Meine Trinkflaschen waren geleert und ich war dankbar, dass ich von Benni, nachdem ich mich wieder an ihn herangequält hatte, einen Schluck von seinen zu Ende gehenden Trinkreserven zu bekommen. Wir fuhren gemeinsam weiter und erreichten kurze Zeit später überglücklich ein Gasthaus, in dessen Nähe kühles Wasser aus einem Brunnen sprudelte. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie die restliche Auffahrt ohne diesen Tankstopp verlaufen wäre! 

Auf den letzten Kilometern konnte ich mich ein wenig von Benni absetzen, der Abstand pendelte sich ein und wir kamen am Passschild an. Äußerlich gezeichnet und im ersten Moment schimpfend über diesen Anstieg, waren wir letztendlich doch stolz und froh, diese Entscheidung getroffen zu haben. Kurze Zeit nach unserer Ankunft kamen zwei Franzosen am Passschild an. Gegenseitig wurde die Passschildfotos gemacht und dann ging es zu Viert in die Abfahrt bis La Thuile, wo  man sich wieder auf der Route des Kleinen Bernhards befindet. Und genau diesen "restlichen"  Anstieg galt es jetzt noch zu bezwingen. Einer der beiden Franzosen drückte früh aufs Gas, der andere war hingegen schnell abgehängt. Ich hängte mich an den erst genannten und fühlte mich bei diesem Tempo eigentlich in einem guten Bereich, bis ich dann beschloss, auf Benni zu warten. Ich machte keinen richtigen Tritt mehr, den gefundene Rythmus gab ich dummerweise auf.

Abfahrt vom Bernhard richtung Bg.-St.-MauriceBenni übergab mir dann den Rucksack und wir starteten Seite an Seite, doch keine 100m waren gefahren, musste ich Benni ziehen lassen. Meine Beine wurden schwer wie Stein, ich konnte ihnen kaum noch Kraft entnehmen. Ich wurde immer langsamer und traf Benni erst wieder an der nächsten Wirtschaft, wo er uns eine Cola kaufte. Aber ich verschwendete keine Hoffnung daran, diese Cola würde mich auch nicht mehr retten können. Ich quälte mich ausgelaugt und abgeschlagen bis zum Col du St. Petit Bernard und war froh, nicht abgestiegen zu sein. Benni machte seit der Rucksackübergabe einen viel besseren Eindruck und konnte immer wieder problemlos davon ziehen, obwohl auch er dann am Pass von Krämpfen und Erschöpfung sprach. Doch wir hatten es beide geschafft und die bevorstehende 30 Kilometer Abfahrt mehr als verdient: 3 Pässe am ersten Tag! 

Unsere erste Tour war einfach gigantisch, bei bestem Wetter haben wir über 130km zurückgelegt und über 3000 Höhenmeter gesammelt. Bei üppigem Abendessen sprachen wir noch lange von diesen ersten Erlebnissen und fielen mit Vorfreude auf den Col de l´Iseran, der am folgenden Tag bevorstehen sollte, und einem prall gefüllten Magen in die Federn. Da diesmal Benni das abendliche Pokerspiel für sich entschied, musste ich mit der Bettcouch Vorlieb nehmen. 

(Bericht: Jens)