
Der höchste Alpenpass...
Landry - Col de l´Iseran - Landry
111 km - 2300 Hm 
Wegen der Krämpfe und der Hitze am Vortag, suchen wir uns eine vermeintlich einfache Tour hinauf zum höchsten Alpenpass, dem Col de l’Iseran , aus. Schwer fällt das Aufstehen an diesem Morgen, doch die Sonne lacht ein zweites Mal und zwingt uns aufs Rennrad. Wir fahren mit dem Auto zusammmen nach Bellentre auf der Suche nach einer Boulangerie, finden aber nur ein kleines Kiosk, wo wir allerdings ein leckeres großes Baguette bekommen. Also wird reichlich gefrühstückt, Rucksack und Trikottaschen voll gepackt und los gehts zum höchsten Alpenpass! Wir rollen mal wieder leicht wellig über Bourge St. Maurice und Séez, bis der Anstieg noch vor St. Foy Tarentaise endlich beginnt. Die erste Stufe bis Val d’Isere verläuft stetig am Westhang, was dazu führt, dass die ersten 20 km im Schatten liegen. Am Anfang warten zwei Serpentinen, nach denen man St. Foy Tarentaise erreicht. Hier stoppt uns eine Baustellenampel für eine Minute. Unglücklicherweise stehen wir in der Knallsonne. Die Weiterfahrt führte wieder in Schatten. Bis Val d’Isere folgen nur zwei Serpentinen…nicht zu schön für die Auffahrt, aber ein Traum in der Abfahrt. Die Steigung ist human und überschreitet nie die 10%-Marke. Ich fahr vorneweg und Jens macht Fotos bei jedem Rennradfahrer, den wir überholen. Wir fahren unseren Rhythmus, sparen Energie für die zweite Stufe und erreichen noch recht frisch die Staumauer des Lac du Chivril. Hier kann man rechts abbiegen nach Tignes (hatten wir eigentlich vor…) oder gerade aus weiter fahren durch Val d’Isere und hinauf zum Col de l’Iseran. Die folgenden vier Kilometer bis Val d’Isere warten mit vielen Tunnels, die teilweise unbeleuchtet sind. Ein Rücklicht, sowie reflektierende Klamotten oder Elemente sind hier Pflicht (Bild unten). Val d’Isere entspricht teilweise den französischen Retorte-Skiorten. Das erste, was man erblickt, sind große unschöne Hotels und viele Skilifte. Im Sommer verursachen solche Bauten eher Augenkrebs. Die Straße führt flach durch den Ort, indem wir eine kurze Essenspause machen. Die zweite Stufe des Anstiegs liegt nun voll in der Sonne, weshalb ich in den ersten zwei Kilometern nach Val d’Isere meine Schwierigkeiten habe. Nach der kurzen Pause finde ich nur schwer meinen Tritt und lasse Jens ein wenig davon fahren. Kurz nach dem Ort erblicken wir das erste von 14 Hinweisschildern, die den Weg hinauf zum Pass erleichtern. Auf jedem Schild sind die verbleibenden Kilometer, die Höhe und die Durchschnittssteigung beschrieben. Die Straße führt ca. 2 km Richtung Westen um von dort aus in Serpentinen und Kurven den Hang zu erklimmen.
Nach den ersten Serpentinen finde ich wieder meinen Rhythmus auf nun schon über 2000 m ü.NN. Die nächsten Kilometer gilt es, von jedem Hinweisschild ein Foto zu machen. Auch der Ausblick zurück nach Val d’Isere wird mit jedem Meter eindrucksvoller. Die Steigung ist in den letzten 14 Kilometern nie über 10% und ist somit rhythmisch und leicht zu fahren. Einzig die Höhe darf nicht unterschätzt werden. Wir fahren zusammen ohne große Schwierigkeiten die nächsten 8 Kilometer und werden erst wieder 3 Kilometer vorm Gipfel durch starken Wind aufgehalten, zum Gipfel geblasen oder fast umgeschmissen. Im oberen Teil überholen wir wieder zahlreiche Rennradfahrer, nur ein sportlicher Kollege mit SRM-System zieht uns davon. Auf der Passhöhe gibt es zum Glück ein kleines Büdchen, das uns vor dem Sturm schützt. Hier verpflegen wir uns kurz, ziehen uns für die Abfahrt an und machen uns bereit für das obligatorische Passfoto. Nicht umfallen und die Räder nicht wegfliegen lassen war hier die Devise. Wir trinken noch eine heiße Schokolade im Restaurant auf der Passhöhe und bereiten uns mental auf stürmische Abfahrtskilometer vor. Jens macht noch ein paar Fotos und ich bin der Meinung, bei Räder Richtung Straße zu schieben. Plötzlich passiert es: Eine Windböe, die fast meinen Tacho sowie Jens’ Rennrad wegzublasen schien.
Die ersten Kilometer der Abfahrt sind nicht ohne. Kommt der Wind von vorne oder von hinten ist alles in Ordnung, doch dieser starke Seitenwind ist die Hölle (zum Glück nicht in Richtung Abgrund), die Geschwindigkeit nicht größer als 30°C und doch werden wir von einer Straßenseite zur anderen getrieben. Die Gedanken an meinen sich auflösenden Vorderreifen verdränge ich nur langsam. In massiver Schräglage geht es den Berg hinunter. Froh sind wir, als einige Höhenmeter tiefer der Wind nachlässt und wir Geschwindigkeit aufnehmen können. Die Kilometer vor und in Val d’Isere bringen starken Gegenwind und das Gefälle ist niedrig. In Val d’Isere ist es wieder warm genug, die Jacken auszuziehen und das Trikot der RSG Citybike Darmstadt zu präsentieren. Die welligen Kilometer bis zur Barrage du Chevril gehen wie im Flug, nur die Tunnel regen zur Vorsicht an. Nach dem Abzweig Tignes folgt der rasanteste Teil der Abfahrt. Ohne Kurven, zwar auf stark beschädigter Straße, geht es mit 80 Sachen über mehrere Kilometer hinab. Autos werden einfach stehen gelassen und Vollgas gegeben bis uns die Baustellenampel in St. Foy Tarentaise wieder aufhält.
Bei unglaublicher Hitze und starkem Gegenwind fahren wir wellig hinauf nach Séez, schwitzen wie verrückt und sind stolz, den höchsten Alpenpass bezwungen zu haben. Es folgt das lockere Ausrollen auf dem wunderbaren Radweg Richtung Landry, der kurze Schlussanstieg zur Wohnung und so standen am Ende 110 km mit nur einem Pass, der aber 2300 Höhenmeter lieferte. Wir machen uns direkt an mein Vorderrad, um zusammen einen neuen Mantel aufzuziehen. Continental und Campa-Felge sind keine gute Kombination. Nach gut einer halben Stunde und mehreren Blasen an den Händen sprang der Mantel endlich auf die Felge. Hoffentlich bekomme ich so schnell keinen Platten… Im Lidl in Bourge St. Maurice werden die letzten Sachen eingekauft, lecker Pute mit Reis gekocht (leider mit einer gewöhnungsbedürftigen Sauce…) und sich vorbereitet auf den nächsten Tag. Einer der Könige der Alpenpässe sollte morgen unser sein: Der Col de la Madeleine…und zwar zweimal. Jens’ will auch noch die Montvernier Serpentinenstraße in Angriff nehmen, mir ist schon bewusst, dass das nichts werden kann! (Bericht: snowbenji) |