Rennrad-Fieber
 
Samstag, 4. Februar 2012
Frankreich - Tour 6

Profil der sechsten Tour

Skilifte und Hotels - Val Thorens...

Val-Thorens

83 km - 2140 Hm 

 

Die Knie tun weh, Müdigkeit macht sich ein bisschen breit, aber das Wetter ist weiterhin gut. Nicht an diesem morgen, aber im Laufe des Vormittags zeigt sich wieder die Sonne. Der Wecker klingelt mal wieder vor acht Uhr, die Aussicht draußen ist getrübt durch Wolken, aber egal…heute geht’s nach Val Thorens und dann mal sehen. Ordentliches Frühstück, alles vorbereiten, diesmal etwas wärmere Klamotten ins Auto legen und los geht’s noch vor 10 Uhr Richtung Moutiers. Wir parken auf irgendeinem öffentlichen Parkplatz in Richtung Couchevel, bereiten die Räder vor und genießen jetzt schon die Sonne, die sich wieder von ihrer besten Seite zeigt. Die Beinlinge oder langen Handschuhe werden ohne viel nachzudenken aus dem Ruchsack geschmissen.

Richtung Val ThorensEine Sache muss ich noch loswerden, bevor wir die knapp 2000 Hm nach Val Thorens auf uns nehmen können. In einem italienischen Restaurant klappt auch dies. Die Suche nach dem richtigen Weg ist in Moutiers alles andere als leicht. Mal gibt es ein Hinweisschild, dann wieder nicht und schon hat man sich verfahren. Die Orientierung habe ich schon nach der ersten Kurve verloren. Nach einer halben Stunde Gegurke durch Moutiers finden wir endlich den Startpunkt. Es folgen zwei Serpentinen, die Steigung pendelt sich auf 5-9% in den ersten sieben Kilometern ein. Die Müdigkeit ist deutlich zu spüren, aber es läuft ganz gut, wir fahren zusammen, machen Fotos und Faxen und sind gespannt darauf, was uns noch erwartet...Sehen wir heute noch Courchevel oder Meribel?

 

Schlusshang nach Val ThorensNach ca. 10 Kilometern folgt eine vier Kilometer lange Abfahrt. Für uns heißt das nicht Erleichterung oder Erholung, sondern die Gewissheit, dass die folgenden Kilometer bergauf steiler werden müssen, um die noch ausstehenden Höhenmeter zu absolvieren. Wie sich herausstellt, dient die Abfahrt dem Wechsel der Hangseite. Der restliche Weg bis zum Talschluss in Val Thorens führt am linken Hang entlang, die Sonne zeigt sich, aber Luft und Wind sind sehr kalt. Bis Les Menuires geht’s mit 8% im Schnitt berghoch, Jens lässt mich fahren, doch ich habe wieder Schwierigkeiten, einen ordentlichen Tritt zu finden. Wenige Kilometer vor Les Menuires ist das Profil wieder sehr wellig, man gewinnt nicht wirklich an Höhe. Also muss der Schlusshang angemessen steil sein. Auch in Les Menuires gibt es wieder eine Abfahrt, die uns auf 60 km/h beschleunigt. Für die Abfahrt heißt das, warm angezogen diesen Gegenhügel wegzudrücken….keine schöne Vorstellung, will man doch ohne große Anstrengung die Abfahrt genießen.

JensDer Blick nach vorne zeigt Wolken, in denen Val Thorens oder zumindest das Skigebiet Les 3 Vallées verborgen ist. Es folgen noch rund sieben Kilometer bis Val Thorens (im Odenwald würde dies einen Monsterberg bedeuten), die im Schnitt knapp 7% steil sind. Wir sind über der Baumgrenze und die Sonne versteckt sich zu oft in den Wolken. Schon bergauf spüren Knie und Arme die Kälte durch den starken Wind. Ein Glück, dass ich mir dieses Jahr einen leichten Radrucksack gekauft habe. Das Wasser in der Trinkblase ist warm und angenehm für den Körper. Die Straße bietet Abwechslung und führt mit mehreren Serpentinen den Hang hinauf. Jens und ich beschließen, diese letzten Höhenmeter in Frankreich 2008 zusammen zu genießen. Jeder macht Fotos, der Spaß ist längst nicht verloren…doch die Gewissheit über die Knieschmerzen ist ebenfalls da. Vor Val Thorens wartet ein letzter Tunnel, bis die Ortseinfahrt erreicht ist. Hier machen wir die obligatorischen „Passfotos“, fahren aber noch weiter bis zum höchsten Punkt im Retortenskiort.

 

Val ThorensLinks und rechts türmen sich wieder diese riesigen Hotelkomplexe, die im Winter Massen an Skifahrern unterbringen sollen. Auch dieser Ort ist im Sommer wahrlich nicht schön und wirkt sehr verlassen und ausgestorben. Im Ort finden wir eine asphaltierte Sackgasse, die den höchsten Punkt auf über 2300 m ü.NN darstellt. Schnell wird klar, diese Abfahrt wird eisig kalt, wir ziehen direkt die Jacken an und suchen einen Unterschlupf, um uns kurz aufzuwärmen und zu verpflegen. Eine im Sommer sehr verlassene Hotellobby (nicht sehr einladend) reicht aus, um uns zu wärmen. Wir sind nass geschwitzt, die Sachen müssen für die Abfahrt zumindest halbwegs trocken sein. Draußen stürmt es und unsere Räder knallen auf den Boden…keine schöne Vorstellung bei einem Carbonrahmen. Glücklicherweise ist mein Lenker aus Aluminium und wird mir nicht einfach so wegbrechen.

AussichtDer obere Teil der Abfahrt ist so ohne Knieschutz, nur mit Jacke und Buff einfach saukalt. Der Wind kommt von vorne und wir treten mit was das Zeug hält, um einigermaßen warm zu bleiben. Dies gelingt für die ersten Meter und man merkt jeden verlorenen Höhenmeter indem es wärmer und wärmer wird. Höchstgeschwindigkeiten sind bei dieser übersichtlichen Abfahrt wegen Gegenwind leider nicht drin, aber im Moment der Fahrt war das nebensächlich. In Les Menuires warten zwei Serpentinen auf uns, nicht bergab, sondern bergauf und die Sonne scheint wieder mit voller Kraft. Man merkt sofort, wie sich die Hitze staut unter der Regenjacke. 

Wir genießen den Rest der Abfahrt, Jens macht sogar noch ein Video, und rollen gemütlich hinein nach Moutiers, wo wir fast vier Stunden vorher gestartet sind. Es ist warm, als wir am Auto ankommen, stürmisch zwar, aber echt angenehm warm. Eigentlich ist klar, dass wir nicht weiter fahren werden, Courchevel und Meribel werden ausfallen, doch keiner von uns will das so richtig wahr haben. Nach einem hin und her am Auto packen wir schließlich doch die Räder ein und fahren zurück nach Landry. Nochmal die Sonne im Garten genießen, sich freuen über mehr als 600 Kilometer und knapp 16.000 Höhenmeter. Ein letztes Abendessen und dann gehts auch schon ans Packen, voller Wehmut und Traue, dass diese grandiose Woche schon wieder vorbei sein soll.

(Bericht: snowbenji)