Durchgeschüttelt im Val Tremola...
Andermatt - Furkapass - Nufenenpass - St. Gotthardpass via Val Tremola - Andermatt: 106 km, 2950 Hm
Erneut geweckt von einem Betonmischer und Geräuschen von Metallkontakt, konnte uns an diesem Tag so schnell nichts aus der Fassung bringen. Der Blick an den Himmel war einfach grandios: Klar blau, kein einziges Wölkchen zu entdecken. Die Temperaturen noch im Morgenmantel, aber laut Vorhersage auf dem Vormarsch zu ungeahnten Werten für die Schweizer Alpen.
Mit kräfigem Frühstück im Bauch und der täglichen Portion Spongebob Schwammkopf im Hirn, starteten wir unsere Königsetappe. Von den Werten sieht dies vielleicht gar nicht danach aus, aber im Nachhinein stand der Nufenenpass für eine Königsetappe im sportlichen Sinne und der St. Gotthardpass für eine Königsetappe im beeindruckenden Sinne. Die Anfahrt über die südliche Furkapassstraße war uns eine Bekannte. Schließlich waren wir 2007 gleich zwei Mal auf dieser unterwegs. Nur heute war es warm, sonnig und sehr verkehrsreich. Neben den erhofften Radfahrern aber auch jede Menge Autos, Motorräder und der berühmte Postbus mit unverwechselbarem Signalhorn, das vor jeder Kurve warnend ertönte. Dass schon die ersten Rennfahrer, die wir im unteren Teil stehen ließen, Darmstädter waren, hätten wir wohl kaum vermutet.
Immer wieder gebremst von dem Teils starken Verkehr, der in engen Kurven erlahmte, teilten wir uns die Kräfte auf dieser tollen Auffahrt sehr gut ein. So konnte uns auch die ewig erscheinende Gerade im letzten Drittel nicht verblüffen, die wir auf dem Weg zum Gipfel passieren mussten. Auf der Passhöhe angekommen wurden wir von weiteren Darmstädtern begrüßt, die sogar ein Rennrad vom Citybike in Darmstadt gekauft hatten. Wir kamen schnell ins Gespräch und merkten schließlich, dass für uns alle die gleiche Tour auf dem Tagesprogramm stand. Doch zum Wiedersehen kam es an selbigen Tage nicht mehr (wir verließen zuerst die Furkapasshöhe).
Über die kurvige Strecke ging es knackig den Hang vom Hotel Belvédère hinab, durch das Örtchen Gletsch hindurch und weiter richtung Ulrichen. Nach den ersten Kurven unterhalb von Gletsch erwartete uns ein ganz kurzer Tunnel, der in einer kleinen Senke liegt. Mit großem Vertrauen jagten wir in die Dunkelheit des Tunnels, ein lauter Schlag, wildes Gerüttel und schon war der Tunnel auch vorbei. Doch das Kopfsteinpflaster in selbem machte uns stutzig, weil es ohne Vorwarnung völlig überraschend durchfahren werden muss. Also an dieser Stelle der Hinweis: Entweder Augen zu, Lenker umklammern und einfach drüber oder eben rechtzeitig vor diesem dunklen Loch abbremsen. Die Nachwirkungen dieser Passage zeigten sich erst im Kilometer entfernten Ulrichen, dem Startort zum Nufenenpass. "Benni, wo ist denn deine zweite Flasche?", fragte ich überrascht und dachte sogleich an die kritische Stelle. Auch Benni schaute verdutzt drein, gerade für einen "Vieltrinker" wie ihn ein herber Verlust. Aber der Weg zur Rettung der verlorenen Flasche war einfach zu lang.
Also starteten wir in den Anstieg zum Nufenenpass, eine Auffahrt, die uns schon im Vorhinein ordentlich Respekt bekommen ließ. Und sämtliche Beschreibungen waren nicht untertrieben, fanden wir uns doch bei heißen Temperaturen in einer durchgehend steilen Passstraße. Ein Rennradler fuhr gleich zu Beginn von hinten auf, doch dabei ließ er Kraft und konnte fortan auch "nur" unser Tempo gehen. Vielmehr noch wurde er später zum optimalen "Pacer" für mich, da ich mich nun in kurzem Abstand gut an dessen Hinterrad orientieren konnte. Kurz vom Fauchen eines Ferrari 430 gestört, war die Auffahrt fast schon zermürbend ruhig. Ein jeder fuhr sein Tempo und hoffte, die Passhöhe könnte doch schon ein Stückchen entgegen kommen. Doch allein der Anblick des letzten Serpentinenhanges legt die Karten offen und verspricht keinerlei Geschenke. Sicherlich war diese Auffahrt einer unserer härtesten, der Pass hat es wirklich in sich. Kurz unterhalb der Gastromie und Sonnenterrassen, steht das Passschild, das wir abgekämpft umklammerten.
Voller Vorfreude, aber auch mit leichter Anspannug heizten wir richtung Airolo. Am Fuße des St. Gotthard befüllten wir noch einmal die Flaschen bzw. die Flasche und begaben uns schließlich auf den Weg nach oben. Schon am Anfang erfreut sich der Radfahrer über Tunnel und neue Bundesstraße, die den Verkehr auf berühmt berüchtigter alter Passstraße gegen Null gehen lassen.
Doch das wir schon früh auf dieser Straße auf Pflastersteine treffen würde, hat uns etwas überrascht. Konzentriert ließen wir das Gerüttel über uns ergehen und stimmten uns auf den richtigen Abschnitt durch das Val Tremola ein. Die entgegenkommenden, historischen Postkutschen (ja, gleich zwei hintereinander) waren schön anzusehen, doch nach dem häufigen Antreffen schon in Andermatt auch kein "Lottogewinn" mehr. Endlich kamen wir unserem Ziel näher, das diesmal nicht die Passhöhe, sondern der famose Abschnitt der legendären Passtraße durch das Val Tremola darstellte. Eine einzigartige Straße, wo bestimmt ein jeder Pflasterstein seine eigene Geschichte erzählen könnte. Wir genossen diese Fahrt wahrhaftig, auch wenn wir kräftig durchgeschüttelt wurden. Gerade im Wiegetritt vermischt sich die Vibration des Pflasters zu einem Kollektiv aus Massage und Belastung. Die Beine waren erstaunlich frisch nach dieser Auffahrt, wobei sicherlich auch das angepasste Tempo dazu beitrug. Ein letzter kleiner Sprint zum Hospiz beendete die Rütteltour, wo wir auch schon mit dem Lied "Let It Be" von einem Bratimbiss begrüßt wurden. Heute war es sehr angenehm auf der Passhöhe, was wir zugleich auch mit einem längeren Aufenthalt honorierten. Die Abfahrt, die am verregneten Sonntag schon so verführerrisch stimmte, war an diesem Tag leider eine Niete. Bei regem Verkehr, mit einem Darmstädter vor der Nase und bei mäßigem Gegenwind konnten wir den ultimativen Speed auf den langen Geraden nicht erreichen. Aber was soll´s, wir sind durch das Val Tremola auf den St. Gotthard gefahren, alles andere war doch egal!
(Bericht: Jens)