Rennrad-Fieber
 
Samstag, 4. Februar 2012
Schweiz 2009 - Tour 5
Tourenprofil

Tiefpunkt am Grimselpass...

Andermatt - Sustenpass - Grimselpass - Furkapass - Andermatt: 121km, 3390 Hm
 
 

Nach der gestrigen Königsetappe sollte auch heute eine ähnlich lange und schwere Etappe auf dem Programm stehen. Das Wetter sollte mitspielen, Sonne pur und Temperaturen bis 30 °C waren vorhergesagt. Als einzig verbleibende Startrichtung blieb nur der Norden offen, genauer gesagt die Straße durch die Schöllenschlucht richtung Wassen. Von hier könnte man eine 4-Pässetour mit heftigen 162 km und 5030 Hm in Angriff nehmen, doch die Tage zuvor haben gezeigt, dass wir etwas kürzer treten mussten. Also ging es auf jene Runde, die 2007 schon in anderer Richtung abgestrampelt wurde: Susten-, Grimsel-, Furkapass.

 
Benni am SustenpassUnsere Erfahrungen mit den Anstiegen von Susten- und Grimselpass ergaben sich aus den Abfahrten dieser Passstraßen. Gerade der Sustenpass bot eine sehr schnelle und damit steile, zumeist kurvenarme Abfahrt. Der Gedanke an den Weg nach oben auf dieser Auffahrt stimmte uns schon 2007 nicht glücklich, auch hier und heute rechneten wir fest mit einem heftigen ersten Anstieg, der uns nicht gefallen würde. 
 
Im kühlen Morgenblau zischten wir von Andermatt durch die Schöllenenschlucht hinab nach Wassen. Kein schöner Start zum warm werden, aber immerhin ein Start, der auf dem Tacho nie dagewesene Durchschnittsgeschwindigkeiten erzeugt. In lockerem Tempo rollten wir in den Sustenpassanstieg hinein und brachten uns langsam auf Betriebstemperatur. Dass Benni dabei schneller in Fahrt kommt, ist die Regel, so fuhr er lange Zeit in weitem Sichtkontakt zu mir. Dabei konnte ein jeder die Schönheit dieses Anstieges genießen, der sich durch frische Landschaften und kleine Dörfchen schlängelt. Langweilig wurde es dabei nie, der Anstieg konnte immer beeindrucken. Im letzten Drittel geht es dann steiler auf die 2000 m zu, vermehrt Kehren und Serpentinen vervollständigen das richtige Pass-Feeling. Mittlerweile fuhren wir wieder Seite an Seite und nutzten das Panorama, tolle Bilder zu schießen. Mit dem Erreichen des Tunneleinganges war uns klar, dass wir den Steingletscher und damit den Sustenpass in wenigen Augenblicken vor uns sehen müssten. Wie durch ein langes Tor fährt man durch den Tunnel und kommt auf der Westseite des Sustenpasses, mit herrlichem Blick richtung Innertkirchen, an. Zu unserer Überraschung wurden wir auf der Passhöhe von dem am gestrigen Tage kennengelernten Darmstädter begrüßt, der sogleich für das Passfoto zuständig war. 
 
Jens am GrimselpassDie Abfahrt nach Innertkirchen ist gigantisch, man sollte sich nur früh mit Auto- und Motorradfahrern einig werden, um gefährliche Überholaktionen oder eben nerviges Dauerbremsen zu vermeiden. Leider sind diese Umstände nicht in jedem Fall zu verhindern, so dass auch wir hin und wieder Überholpause einlegten, oder eben kurzerhand selbst auf die Überholspur wechselten. Zu schnell standen wir in Innertkirchen und sahen uns mit dem nächsten langen Anstieg konfrontiert. Eine kleine Wasserauffüllung und Stärkung tat in den mittaglichen Temperaturen Not. Schon im unteren Teil der Grimselauffahrt hatten wir zu kämpfen, die Luft war bei weitem nicht mehr so frisch und unverbraucht wie noch zuvor am Susten. Ein weiterer Tankstopp an einem Getränkemarkt musste eingelegt werden, um nicht Gefahr zu laufen, im oberen Teil des Passes ohne Getränke zu sein. Im weiteren Verlauf der Auffahrt forcierte ich das Tempo und war verblüfft, wie kinderleicht ich ein riesen Loch zu Benni reißen konnte. >Sparte Benni bewusst seine Energie oder hatte er Probleme<, vielmehr kam für diesen Leistungsunterschied nicht in Betracht. Vor dem großen Tunnel unterhalb der ersten Staumauer machte ich Stopp und wartete auf Benni, der sichtlich zu kämpfen hatte. Mit schmerzendem Magen und Übelkeit konnte er bei weitem nicht das Treten, was seine Beine allein vielleicht zugelassen hätten. So umkurvten wir den Tunnel über eine alte Passstraße, die nicht nur die dunkle Röhre erspart, sondern mit einer traumhaften Landschaft glänzen kann, die man ohne jeglichen Verkehr genießen kann. Zurück auf der "normalen" Grimselauffahrt fuhren wir fortan zusammen und dem Tempo war deutlich anzumerken, dass Benni deutliche Beschwerden hatte. FurkapasshöheSo ließ er sogar am Ziel das Passschild rechts liegen und war froh, das Rennrad endlich mal abstellen zu können. Wir beschlossen eine etwas längere Pause einzulegen und erwarben eine köstliche Aufmunterung: Gulaschsuppe auf dem Grimselpass. 
 
Benni konnte wieder aufs Rad und so nahmen wir die geplante Weiterfahrt über den Furkapass in Angriff. Auch dieser Anstieg über die Westseite des Furkapasses war neu für uns. Kurz nach Gletsch startet der Anstieg mit drei schönen Kehren, doch dann geht es auf die schier endlose Gerade, die erst am Fuße des letzten Serpentinenhanges unterhalb dem Hotel Belvédère wieder einen merkbaren Knick einlegt. Der Weg zum Hotel ist durchgehend steil, eine kleine Rampe mit ca. 10 - 14 % Steigung erfordert zwischenzeitlich den vollen Krafteinsatz. Erst wenn das Hotel ins Blickfeld rückt, kann man bei leichter Steigung durchatmen, bevor es hinter dem Hotel auf die letzten Rampen geht. Sehr glücklich, trotz der schwierigen Umstände auch diesen Pass bezwungen zu haben, machten wir uns in die Abfahrt nach Realp. Eine schmale Straße, viel Verkehr, gefährliche Straßenbegrenzungen und vielerorts wellige Fahrbahnbereiche erfordern auf dieser Abfahrt die volle Konzentration. Doch diesem Ritt und sogar einem Duell mit dem peitschenden Gegenwind zwischen Realp und Andermatt konnten wir uns noch souverän und sicher stellen.
 
(Bericht: Jens)