Rennrad-Fieber
 
Mittwoch, 8. September 2010
Schweiz 2009 - Tour 6
Tourenprofil

Mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln...

Andermatt - St. Gotthardpass - Nufenenpass - Grimselpass - Furkapass - Andermatt: 117km, 3340 Hm

 

Der gestrige Tag hatte seine Spuren hinterlassen und ebenso gewarnt, die Gesundheit nicht noch weiter herauszufordern. Benni fühlte sich auch an diesem Morgen nicht fit, Magen-Darm-Beschwerden und immer noch Husten wiesen ihn in die Schranken. Er hatte dementsprechend eine Entscheidung getroffen, das Fahrrad würde er heute nicht bewegen. Bei dem immer noch sommerlichen Wetter war ihm dabei aber auch klar, dass ich bestimmt nicht noch einen Tag in Wohnung oder im Auto verbringen wollte. St. GotthardpassSo blöd es für Benni auch war, in Anbetracht seiner Gesundheit und einer "sinnvollen" Tagesbeschäftigung blieb nur die Option, mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln die Pässewelt zu durchkreuzen. Benni musste auf dem Autositz Vorlieb nehmen und bescherte mir zugleich die tolle Situation, dass ich ein Begleitfahrzeug während der Tour an meiner Seite hatte.

Aber ganz gleich der TDF war es dann doch nicht, schließlich war dies im Hinblick der Kosten, Nerven und anderer Verkehrsteilnehmer nicht ohne weiteres machbar. Ich startete also alleine mit dem Rennrad, zum ersten Male ohne Rucksack, und fuhr einen Vorsprung auf dem Weg zum St. Gothardpass heraus. Doch Benni hielt es nicht lange in der Wohnung, schon bald stellte er mich noch vor der Hälfte des Anstieges. Und dabei war ich gar nicht mal langsam unterwegs, schließlich konnte ich in Anbetracht des "Besenwagens" etwas näher an die Leistungsgrenzen heran fühlen, ohne vorher das Kleingeld für den Bus abzählen zu müssen. Benni wartete an geeigneten Stellen und begnügte sich mit einem Buch, bis ich irgendwann wieder auf seiner Höhe war und er ein paar Fotos einfangen konnte.

Diesmal machte ich mich auf die alte Passstraße der Nordauffahrt zum St. Gotthard, die zu Beginn des oberen Drittels von der Bundestraße abzweigt. Wie auf der Südseite befährt man nun durchweg Pflastersteine, doch in aller Seelenruhe  (abgesehen der Klappergeräusche) inmitten der Bergwelt machte mir dies zusätzlich Spaß. Auch leicht über der eigentlichen Passhöhe muss man aber über das Kopfsteinpflaster zum Hospiz abfahren. Benni am NufenenpassNix wildes, sofern Hände am Lenker und sämtliche Schrauben fest angezogen sind. Vor Benni machte ich mich auf die Abfahrt über die neue Bundesstraße richtung Airolo. Doch beim Verlassen der Passhöhe, dem Erreichen der langen Galerie und damit dem Anblick des großes Hanges der alten Passstraße, musste ich in die Eisen gehen. Diesen Anblick musste ich einfach fotografieren, schade nur, dass ich kein Weitwinkelobjektiv besaß. Wieder im Sattel und auf angenehmer Abfahrtsgeschwindigkeit, kam ich dem nächsten Aussichtspunkt entgegen, der in der 180° Kehre nach dem Tunnel folgt und einen herrlichen Blick auf Airolo und Umgebung ermöglicht.

Die anschließende Auffahrt zum Nufenenpass war ziemlich einsam, kaum Verkehr oder andere Biker sorgten für Abwechslung. Das dabei die Temperaturen immer höher kletterten und der Gegenwind zunahm, machten aus der  vermeintlich leichteren Ostseite eine ebenbürtige Auffahrt zur Westseite für mich. Benni hatte die Warterei und das Auto schon lange satt, einfach brutal bei diesen Anblicken nicht Fahrrad fahren zu können. Stattdessen Wasserträger und Fotograph für mich zu spielen war sicherlich keine schöne Alternative, und das Buch hätte auch noch warten können. So kämpften wir uns beide, jeder auf seine Art, den Westhang des Nufenenpasses hinauf. Kurz vor dem Gipfel erblickte ich endlich weitere drehende 28-Zöller, sogleich zündete ich den Endspurt und konnte immerhin noch einem Biker vor dem Ziel entwischen. Sowas motiviert ungemein, plötzlich war die Lust wieder geweckt, die Beine fühlten sich sogar wieder besser. Benni versorgte mich mit Getränken und erneut mit Klamotten für die Abfahrt. Diesmal machte ich kurzen Prozess und fuhr die Abfahrt in einem Stück. Das Benni dabei nicht folgen konnte, war schon vorher zu erahnen. Die Abfahrt über die steile Seite des Nufenen ist im oberen Teil auf Grund der zahlreichen Serpentinen anspruchsvoll, weiter unten bieten längere Geraden und weite Kurven die Möglichkeit, auch mal richtig Dampf zu machen. Gebremst von zwei Wohnwagen war ich aber im letzten Teil der Abfahrt nur noch mit meinen beiden Hebeln am Lenker beschäftigt. 

Jens am FurkapassAuf dem Wege von Ulrichen nach Gletsch (Grimselpassstraße) verfolgte ich zunächst zwei andere Rennradfahrer. In gutem Tempo konnte ich bis zum merkbaren Anstieg der Fahrbahnsteigung an ihren Hinterrädern bleiben, dann wendete sich das Blatt und schon bald verschwand ich im kurvigen Anstieg. Der Anfang des Grimsel ist super zu fahren, da die Steigung von Beginn an bei mittleren Werten bleibt und sich im Verlauf der Straße nur langsam, aber fortlaufend steigert. So kann man sehr gut seinen Rythmus aufbauen, der dann bei Erreichen der steilen Passagen zur Hilfe wird. Benni erwartet mich bereits in Gletsch und hörte es gar nicht gerne, dass ich den Grimselpass noch bis zur Passhöhe bezwingen wollte. Doch da musste er jetzt durch, genauso wie ich ertragen musste, dass ein Mountainbike am Grimselhang mir nun auf den Versen war. Mit Mächtig dampf rollte er an mir vorbei, zugern hätte ich einen Anker ausgeworfen. Ohne mein Hinterrad vor sich, wurde er nun aber auch langsamer. Ich raffte mich nochmal auf und fand wieder Anschluss, doch das war wiederrum für ihn ein Zeichen, vermehrt Kohlen ins Feuer zu werfen. Bei hoher Geschwindigkeit verließen wir die letzte Kehre vor der Passhöhe, ich erahnte eine kurze Zielgerade und wurde sogleich mit dem Brett vor den Kopf gestoßen, als ich die kilometer lange Gerade erblickte. Der Kopf verweigerte und bremste unwillkürlich meinen Tritt, ich musste ihn ziehen lassen. 

Über die gleiche Strecke ging es zurück nach Gletsch und in den Schlussanstieg zum Furkapass hinein. Benni fuhr mit dem Auto an mir vorbei und ich konnte meine Windweste durch das offene Fenster los werden. Was ein perfekter Service! Mit deutlichem Zeitvorteil gegenüber der gestrigen Auffahrt auf den Furkapass beendete ich mit einem Zielsprint die Anstrengungen. Benni war endlich von den psychischen Qualen erlöst, sicherlich wollte er so etwas nicht öfter erleben müssen.

(Bericht: Jens)