
Die Königsetappe...
Cormet de Roselend - Col des Saisies - Col du Pré136 km - 3705 Hm Die Hitze am Col de la Madeleine steckt uns in den Knochen, doch unerwartet fühlen sich meine Beine besser an als am Vortag. Wir frühstücken ordentlich und machen uns gegen 10.30 Uhr bei leichter Bewölkung auf den Weg zum Cormet de Roselend. Was dann noch folgen würde, wissen wir jetzt noch nicht, was folgen kann, sind der Col des Saisies und der Col du Pré... Wie bei den ersten zwei Touren rollen wir gemütlich nach Bourge St. Maurice, wo diesmal der Weg die zweite Kreisel-Ausfahrt Richtung Cormet de Roselend nimmt. Der Anstieg geht direkt los und wartet in den ersten Kilometern mit einem Steigungsmittel von knapp 7%. Ich setze mich von Jens ab, fahre meinen Rhythmus und genieße die immer besser werdende Aussicht auf Bourge St. Maurice. Nur zwei Serpentinen lockern diese ersten drei Kilometer des Anstieges ein wenig auf. Nach einem Linksabzweig warte ich auf Jens, die Verwunderung ist groß, dass die Straße nun bergab führt. Doch da Jens den selben Weg eingeschlagen hat, sind wir wohl auf dem richtigen Weg. Nach zwei flachen Kilometern folgen sieben Kilometern mit 7-10%. Die Fahrt führt vorbei an einem verlassenen Schwimmbad und einem ausgestorbenen Gebäude. Schnell weiterfahren geht hier nicht, schließlich befinden wir uns mitten im steilen Teil des Anstiegs. Die Straße zieht sich durch ein tiefes Tal bis im Wald eine wunderbare Serpentinengruppe beginnt. Ich beschließe, den kompletten steilen Teil nicht zu warten, meinen Rhythmus zu fahren und erst wieder im zweiten Flachabschnitt auf Jens zu warten. Die Serpentinen im Inneren zu nehmen, ist ein guter Tipp von Jens, es erleichtert die Weiterfahrt ungemein. Fast falle ich vom Rad, als ich ausklicke um evtl. einem am Straßenrand sitzenden Rennradfahrer zu helfen. Bei Kilometer 11 warte ich auf Jens, den nun wird es flach und das Tal lichtet sich. Nun gibt es keine Bäume mehr, doch die Sonne verschont uns. Nach zwei flachen Kilometern schaffe ich es erstaunlicherweise erneut, mich von Jens abzusetzen, wahrscheinlich deswegen, weil Jens weiß, was uns noch erwartet…
Die Passhöhe ist schnell erreicht, die Steigung bis dato human. Am ersten Ziel des Tages angelangt, verpflegen wir uns, machen das obligatorische Passfoto und ab geht es in eine der geilsten Abfahrten nach Beaufort. Am Lac de Roselend sehen wir das Hinweisschild Col du Pré…ich hätte nicht gedacht, diesen Pass heute noch zu fahren, Jens ist da anderer Meinung. In Beaufort angekommen, lasse ich mich belabern, dass wir hinauf nach Les Saisies fahren (sind ja nicht mal 1000 Hm ;-)). Die Steigung beträgt nie mehr als 9%, ist sehr konstant und gut zu fahren. Wir schlagen ein ordentliches Tempo an und lassen schnell die ersten Serpentinen liegen. Der Ausblick gibt den ersten Hinweis darauf, dass der Col des Saisies die richtige Entscheidung ist. Nach einer kurzen Abfahrt, in der man 20 Hm verliert, befindet man sich nicht mehr im Schutz des Waldes. Meine Leistung nimmt ab, Jens wird stärker und fährt mir voraus bis in den Retorten-Skiort Les Saisies. Die Sessellifte thronen mehrmals über der Hauptstraße. Die Passhöhe ist unscheinbar an die Hauptstraße geklatscht, weswegen wir schnell die Fotos machen, ein weiteres Mal streiten, ob wir den Col du Pré fahren und direkt umkehren, um wieder Beaufort zu erreichen.
Die Abfahrt verläuft super und rasant, bis mir eine Fliege direkt vor die Netzhaut fliegt und nicht locker lässt…ein rotes Auge für einen Tag ist die Folge. Trotzdem läuft der Rest der Abfahrt gut, die Autos lassen uns wie so oft überholen, so dass wir nach knapp 25 Minuten wieder in Beaufort sind. Einen Supermarkt suchen wir vergebens und bedienen uns an einem Brunnen. Mit vollen Flaschen und Rucksack beginnt auch direkt der knallharte Anstieg zum Col du Pré . Bis Kilometer 5 ist dieser Anstieg noch harmlos, doch hier finden sich schon die Kilometer-Schilder, die Steigung und noch folgende Kilometer angeben. Jens fährt mir die ganze Zeit davon, ich bin nur froh, wenn ich irgendwann den Gipfel erreiche. Nach Arêches beginnt das Grauen, denn die Straße muss sich irgendwie einen steilen Hang hinauf winden. Die Steigung für die nächsten sechs Kilometer pendelt sich bei 10% ein. Man glaubt es kaum, aber auch mit einem sündhaft teuren Rennrad kann man 8-9 km/h fahren. Ich ärgere mich ein zweites Mal über die gewählte Übersetzung von 34-25. Wenn nächstes Jahr noch mehr Kilometer und vor allem Höhenmeter in der gleichen Zeit fallen sollen, dann kommt mindestens ein 27er oder gar ein 29er Ritzel ans Rad.
Das erste Col du Pré Passschild täuscht und zeigt nur 1703 m an. Danach geht es allerdings noch 40 Hm weiter bis zum höchsten Punkt, an dem sich eine grandiose Aussicht auf den Lac de Roselend, die Staumauer und den Roselend-Anstieg ergibt. Der zweite Hinweis darauf, dass der Col du Pré die richtige Entscheidung war. Die Abfahrt bis zur Staumauer ist nichts für Rennradfahrer, die Bremsen qualmen erneut. Der weitere Weg führt uns über die Staumauer und mehrere Wellen zum Col de Meraillet, von hier geht es kurz hinab bis die letzten knapp 400 Hm zum Cormet de Roselend folgen. Die Jacken werden wieder ausgezogen und letzte Kräfte für den Schlussspurt gesammelt. Ich gebe noch mal alles, damit Jens nicht davon fahren und ich ihn vielleicht sogar abhängen kann. Der Rucksack wird getauscht und los geht’s ein letztes Mal hinauf an diesem Tag. Der kurze Anstieg ist nicht übermäßig steil und wird zur Passhöhe hin flacher. Die Passhöhe in Sicht schalte ich aufs 50er Blatt und sprinte bis zum Cormet de Roselend.
Wahnsinn…schon 3600 Höhenmeter…die Endorphine sprudeln jetzt schon, die Beine schmerzen gar nicht mal so und sogar die Sonne lässt sich blicken. Es ist bereits 17.30 Uhr, wir sind schon sieben Stunden unterwegs. Jetzt folgt nur noch eine weitere grandiose und schnelle Abfahrt nach Bourge St. Maurice. Wiedermal lassen uns die Autos vorbei oder werden bergab einfach versägt. Die lange Gerade sorgt für Highspeed, nur die flatternden Jacken halten uns auf. Die Serpentinengruppe im Wald ist eine Herausforderung für die Bremsen, kurven Schneiden sollte man hier nicht, denn so ein Wohnwagen braucht viel Platz.
In Bourge St. Maurice folgt der letzte Buckel, die Beine brennen wieder, aber der Stolz und die Endorphine zeigen sich jetzt schon. Wir rollen aus auf dem Radweg, sprinten den letzten Anstieg hinauf und werden belohnt durch eine lachende Sonne. Es ist fast 19 Uhr, Jens liegt im Liegestuhl , ich chille in der Wohnung. Was für ein Tag…136 km und sagenhafte 3705 Höhenmeter, nie hätten wir das für möglich gehalten. Morgen ist Ruhetag und das haben wir uns redlich verdient. Regen soll es geben…na hoffentlich! (Bericht: snowbenji) |